Blaupause für Kurswechsel in der EU-Agrarpolitik: WIFO-Studie vorgestellt
Ökonomen empfehlen Emissionshandel für die Landwirtschaft, Übergangshilfe für Landwirte und Grenzausgleich für Importe sowie sozialen Ausgleich für Verbraucher.
Die Debatte um die »richtige« Landwirtschaft ist seit Jahrzehnten durch das Für und Wider von »konventioneller« und »ökologischer« Bewirtschaftung gekennzeichnet. nature solidarity plädiert für agrarpolitische Rahmenbedingungen, die in kurzer Zeit die gesamte EU-Landwirtschaft naturverträglicher machen. Damit ökologisches Wirtschaften endlich aus der Nische kommt [Das Geld der Bauern: Subventionen und Direktzahlungen – Legenden und Fakten – agrarheute, 2024] und attraktiv für die nächste Generation von Landwirten ist. Richtige Politik ist gefordert, nicht der einzelne Supermarktkunde.
Raus aus der Nische
Für eine naturverträgliche Landwirtschaft ist »Bio« nicht genug. Auch bald drei Jahrzehnte nach Ausrufung der Agrarwende in Deutschland hatten Bio-Produkte am gesamten Umsatz des deutschen Lebensmitteleinzelhandels 2023 einen Marktanteil von gerade mal 6,3 Prozent [Bio-Branche: Zahlen, Daten, Fakten – foodwatch, 2025].
Bio-Fleisch kommt je nach Nutztierart auf vernachlässigbare ein bis drei Prozent Anteil. Ernüchternd ist auch der Blick in europäische Nachbarländer: 2023 liegt in Italien der Bio-Marktanteil bei 3,5 Prozent, in Norwegen bei 1,7 Prozent, in den Niederlanden bei 4,6 Prozent, in Frankreich bei 5,6 Prozent; um Europas »Spitzenreiter« beim Verzehr von Bio-Kost zu sein, erreichen Österreich, Dänemark und der Schweiz Bio-Marktanteile von etwas mehr als 11 Prozent.
Die Schlussfolgerung: Selbst wenn die Bio-Branche jährlich schneller wachsen würde als der Gesamtmarkt, bräuchte sie viele weitere Jahrzehnte, um überhaupt eine relevante, systemverändernde Größe zu erreichen. nature solidarity ist überzeugt: Diese Zeit haben wir nicht. Der Zustand der Böden, der Schwund der Artenvielfalt, das Leiden der Tiere in den Ställen verdienen mehr als die Hoffnung auf einen unwahrscheinlichen Bio-Boom.
nature solidarity kämpft deshalb für agrarpolitische Bedingungen, die in kurzer Zeit die gesamte EU-Landwirtschaft naturverträglicher machen: durch marktbasierte Instrumente für umweltverträglicheren Ackerbau statt immer neuer Bürokratiemonster; durch den Schutz heimischer Landwirte vor unfairem und zerstörerischen Weltmarkt-Dumping; durch Innovationen, die Landwirtinnen helfen, Böden und Ökosysteme zu heilen statt zu zerstören und die zugleich ihre Freiheit als verantwortliche Unternehmer stärken statt von Konzernen und Banken geknechtet zu werden.
Nicht nur sind die genannten bescheidenen Marktanteile von Bio-Produkten in Deutschland und Europa nach so vielen Jahren der Bio-Landwirtschaft ein Beleg für das Scheitern der europäischen Agrarpolitik. Gleichzeitig dient der Ökolandbau vielen Politikern als Feigenblatt für die eigene Ideenlosigkeit und Untätigkeit: Bürgerinnen und Verbrauchern soll weisgemacht werden, sie wären Schuld, dass sich der Öko-Landbau nicht besser entwickle, denn sie würden sich schließlich ihre Einkaufswägen zu oft mit Produkten aus konventioneller Landwirtschaft füllen. Tatsächlich müssen sich europäische Landwirtschaftspolitiker fragen lassen, warum sie die Regeln nicht so ausgestalten, dass nicht nur eine Bio-Nische entsteht, sondern sich der gesamte Agrarsektor umweltfreundlich entwickelt.
Bio ist ein Anfang, aber noch lange nicht die Lösung, wie eine 2019 vorgelegte Analyse des staatlichen Thünen-Instituts zeigt. Dessen Forschende untersuchten 528 Studien, die zwischen 1990 und 2018 auf Deutsch oder Englisch erschienen und 2.816 Vergleiche zwischen Ökolandbau und konventioneller Landwirtschaft anstellten [Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft – Thünen-Report 65]. Demnach ist der ökologische Landbau besser beim Gewässerschutz, bei der Bodenfruchtbarkeit und bei der Biodiversität. Bei den CO2-Emissionen, beim Ressourceneinsatz – siehe Stickstoff- und Energiebilanz – sowie beim Tierschutz gibt es jedoch kaum Unterschiede zur konventionellen Landwirtschaft.
Die Analyse macht deutlich: Es kommt auf das Management und die gesamten Bedingungen des einzelnen Betriebs an; diese haben einen größeren Einfluss auf die Erreichung der erwünschten Ziele als die Label »öko« oder »konventionell«.
Ökonomen empfehlen Emissionshandel für die Landwirtschaft, Übergangshilfe für Landwirte und Grenzausgleich für Importe sowie sozialen Ausgleich für Verbraucher.
Weniger Bürokratie, weniger Subventionen und mehr Markt – so lassen sich die Ziele der europäischen Agrarpolitik kostengünstiger und umweltverträglicher erreichen.
Agrarpolitik, die sich auszahlt: mehr Markt statt Bürokratie und Subventionen! Prof. Gabriel Felbermayr, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), und Matthias Wolfschmidt von nature solidarity stellen neue Studie vor.
