Artenvielfalt und Ernährung sichern

1. Wahre Preise

Es müssen marktwirtschaftlich effektive und effiziente Preissignale etabliert werden! Abgaben auf Treibhausgase, auf den Einsatz von Pestiziden und von Mineraldünger sind ein wirksames Mittel, um das Verursacherprinzip im gesamten EU-Agrarsektor zu etablieren. So werden biodiversitäts- und klimafreundliche Anbaumethoden wettbewerbsfähig.

Hey EU: Mehr Markt wagen!

Der Markt regelt nicht alles, aber manches – wenn man ihn richtig organisiert. »Richtig« bedeutet: Der Markt muss den solidarischen Umgang mit der Natur belohnen und schädliches Verhalten bestrafen. Seit Jahrzehnten verschlingt der EU-Agrarsektor ein Viertel der EU-Haushaltsmittel – jedes Jahr rund 50 Milliarden Euro. [Agrarpolitik der EU in Zahlen | 31.10.2025]

Seit der Jahrtausendwende summieren sich die jährlichen EU-Subventionen auf die gigantische Summe von mehr als einer Billion Euro. Doch diese Subventionsgießkanne hat weder das Höfesterben noch die Zerstörung von Ökosystemen aufgehalten. Deshalb fordert nature solidarity ein marktwirtschaftliches Konzept für den gesamten Agrar- und Ernährungssektor der EU nach dem Prinzip: Die Verursacher müssen für Schäden, die sie in der Natur anrichten, zahlen! Statt weiterhin Milliarden Euro an Steuergeldern zu verschleudern, müssen sich umweltfreundlichere Anbaumethoden für jeden Landwirt betriebswirtschaftlich lohnen. Damit Landwirte in Zukunft mit der Natur – und nicht gegen sie – Lebensmittel erzeugen können.

Wahre Preise statt EU-Misswirtschaft
Die Agrarpolitik der EU ist der reine Subventionsirrsinn. Seit Einführung der Zahlungen um die Jahrtausendwende flossen weit mehr als eine Billion Euro in die europäische Landwirtschaft. In Deutschland sind es Jahr für Jahr rund 10 Milliarden Euro, die Steuerzahler in Form von Subventionen und anderen staatlichen Ausgaben aufbringen müssen. Etwa 6,5 Milliarden Euro davon stammen aus dem EU-Topf für Flächenzahlungen und Umverteilungsprämien; hinzu kommen eine pauschalierte Umsatzsteuer, Agrardieselbeihilfe, Kfz-Steuerbefreiung, Vorteile im Erbschafts- und Einkommenssteuerrecht sowie eine 80-prozentige Subventionierung der Altersbezüge. Doch damit nicht genug: Diese hoch subventionierte Landwirtschaft verursacht in ihrer heutigen Praxis gigantische Schäden. Die Unternehmensberater der Boston Consulting Group taxierten 2019 diese so genannten externen Kosten auf jährlich mindestens 90 Milliarden Euro allein in Deutschland. Sie entstehen durch den Eintrag von Schadstoffen in Böden, Wasser und Luft sowie durch den Verlust an Vielfalt bei Arten, Genen und Lebensräumen. Die Berater kalkulierten: Würde man Schäden und staatliche Ausgaben im Sinne der Kostenwahrheit auf die Lebensmittel umlegen, würde zum Beispiel ein Kilo Rindfleisch das Fünf- bis Sechsfache kosten. [Boston Consulting Group, Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft nachhaltig sichern, 2019 | 31.10.2025]

Warum betreibt die EU diese Agrar-Misswirtschaft? Einer der wichtigsten Gründe ist ihre Fixierung, zu den größten Nahrungsmittelexporteuren auf dem Globus gehören zu wollen durch den Verkauf von Schweinefleisch, Getreide, Käse, Milchpulver, Butter, Wein, Bier, verarbeiteten Lebensmitteln und vielem mehr. Historisch gibt es dafür eine Erklärung: Der »Grünen Revolution« während der 1950er bis 1970er Jahre ist zwar zu verdanken, dass Europas Bürgerinnen und Bürger ein Angebot an Nahrungsmitteln bekamen wie nie zuvor. Doch die industrialisierte Landwirtschaft produzierte so viel davon, dass in den 1980er Jahren die berühmt-berüchtigten »Milchseen«, »Fleisch- und Butterberge« entstanden. Damit die Preise wegen des Überangebots nicht abstürzten und die Bauern nicht auf die Barrikaden gingen, fror man den Fleisch- und Butterüberschuss ein und verwandelte die »Milchseen« in Milchpulver. Weil das auf Dauer zu teuer war, verfiel die Politik auf den Export als Lösung, oft auch unterstützt durch Subventionen. Seither läuft der Exportmotor auf Hochtouren und macht die EU, obwohl sie nur 3,4 Prozent der Weltagrarfläche stellt, zum größten Agrarexporteur der Welt mit weitem Abstand vor den USA, Brasilien und China. [Globale Landflächen und Biomasse nachhaltig und ressourcenschonend nutzen, UBA-Positionspapier 2013 | 31.10.2025] 

Im Agrar- und Lebensmittelhandel mit dem Rest der Welt erzielt die EU seit Jahren Überschüsse, zuletzt 70 Milliarden Euro (2023) und annähernd 64 Milliarden Euro (2024). [EU agri-food trade achieved a record surplus in 2023 / EU agri-food trade: surplus at 63.6 billion euros / Monitoring EU Agri-Food Trade Developments in May 2025 / Agricultural products – developments between 2014 and 2024 / Europabericht Nr. 09/2025 vom 29.10.2025 des Freistaates Bayern / EU bei Lebensmitteln Exportchampion, taz vom 17.6.2024 / Rekord beim Agrarhandel: EU exportiert Lebensmittel für 235 Mrd. Euro | 31.10.2025]

Begleitet wird die Exportfixierung durch die falsche Erzählung, so würde die EU helfen, die Welt zu ernähren. Laut dem World Food Programme der Vereinten Nationen ist jedoch nicht ein zu geringes Angebot an Nahrungsmitteln die Ursache für den Hunger von weltweit etwa 730 Millionen Menschen. Die Hauptgründe sind vielmehr Armut, Klima und Wetter, Krieg und Vertreibung, instabile Märkte auch infolge von Spekulationen mit Agrarrohstoffen, fehlende Investitionen in die Landwirtschaft sowie eine gigantische Lebensmittelverschwendung. [Was sind die Ursachen von Hunger? wfp.org 2017 | 31.10.2025]

Beispielhaft für das angeblich hungerlindernde Exportregime der EU dürfte Deutschland sein, von dessen Agrarausfuhren lediglich 0,5 Prozent in die 48 ärmsten Länder der Welt gehen. [Agrarexporte verstehen. Fakten und Hintergründe, BMEL 2018 | 31.10.2025]

Die Kehrseite der »Export-Rekorde«: Auf dem Weltmarkt für Agrargüter herrscht ein brutaler Preiskampf. Der Preisdruck schlägt nicht nur auf die heimischen Bauern zurück, sondern ist der natürliche Feind jeder »Nachhaltigkeit«: Weniger Pestizide und Mineraldünger auf den Äckern, strengere Tierschutzauflagen, eine Treibhaus-Abgabe für die Fleischproduktion – derlei Maßnahmen verteuern die Herstellungskosten. Das schmälert die Absatzchancen für europäische Landwirte auf dem Weltmarkt und im EU-Binnenmarkt gegenüber Billiganbietern aus Drittstaaten, in denen es solche Anforderungen nicht gibt.

Der gnadenlose Wettbewerb hinterlässt tiefe Spuren: Laut dem 2020 veröffentlichten Bericht der EU-Kommission »Caring for soil is caring for life« finden sich in 83 Prozent der Ackerböden Pestizidrückstände, bis zu 75 Prozent sind massiv überdüngt. [Caring for soil is caring for life | 31.10.2025]

Demnach betragen die jährlichen Degradationsverluste der EU-Böden mehr als 50 Milliarden Euro. Hinzu kommen Grundwasserschäden, millionenfaches Tierleid, vermeidbare CO2-Emissionen und ein bedenklicher Schwund von Bestäuberinsekten und Feldvögeln. Und das trotz jährlicher Subventionen für die EU-Landwirtschaft von rund 50 Milliarden Euro.

Eine verheerende Bilanz, umso mehr, als Europas Landwirte aus marktwirtschaftlicher Sicht eigentlich beste Bedingungen haben: 450 Millionen Kundinnen und Kunden, die täglich essen müssen. Andere Branchen träumen von einer derart großen und stabilen Nachfrage. Es ist ein Armutszeugnis für die EU-Agrarpolitik, dass sie bei solchen Rahmenbedingungen keinen funktionierenden Markt organisieren kann, der den Erzeugern ausreichende Einkommen ermöglicht und die natürlichen Lebensgrundlagen bewahrt. Die Fokussierung auf Höchsterträge auf den Feldern, auf Höchstleistungen der Tiere und auf Wettbewerbsfähigkeit im umkämpften Weltmarkt hat die EU-Landwirtschaft zur Beute von Konzernen und Finanzmarktspekulanten gemacht. Abertausende von Existenzen in der Landwirtschaft wurden und werden dadurch zerstört.

nature solidarity will, dass Landwirtschaft und Naturschutz in der EU und in jedem Mitgliedstaat zusammen gedacht und gemacht werden.